Jo Manno Remark  Mein Feind-mein Bruder  ISBN: 97837-3865-1850

Ausschnitte aus meinem neuen Buch: Mein Feind-mein Bruder.

 

Werner Höfken erzählt

Der Krieg

So war es fast ein Glücksfall, als ich den Einberufungsbefehl erhielt. Das war im Frühjahr 1943, gerade zu der Zeit, an der die Wende des Krieges eingetreten war. Das hatte natürlich nichts mit mir zu tun, sondern mit der Vernichtung der deutschen 6.Armee im russischen Stalingrad.  Von „Krieg verlieren“ war damals natürlich keine Rede, sondern ich ging mit geschwellter Brust davon aus, nun zu einer siegreichen Truppe gehören zu dürfen. Dabei hatte ich gehörig danebengegriffen.

Ein neuer Abschnitt meines Lebens begann. Mit meinen neunzehn Jahren steckte ich voller Taten-drang. Ich sehnte mich nach etwas, aber ich wusste, dass es nicht das sein konnte, das nun vor mir lag.

Bisher war ich mit meinem Kopf gegen den Deckel der Kiste gestoßen, in der ich saß. Außerhalb der Kiste war zu der Zeit nichts anderes als der Dreck, der einen Krieg begleitet.  Der Dreck auf den zerbombten Straßen und der Dreck in den Hirnen.

Meine Ausbildung erhielt ich in der Senne, einer Landschaft in der Nähe von Paderborn, die schon seit Kaisers Zeiten Truppenübungsplatz gewesen ist und wo eine Sorte von Blumen wachsen soll, die sich von Soldatenschweiß besonders gut entwickelt. Eine schöne Gegend. Es sah genauso aus wie auf der Wahner Heide, wo ich schon mit meinen Freunden wandern war und wo ich Kätchen zum ersten Mal geküsst habe. Ihr habt richtig gelesen. Kätchen hieß damals mein neuer Schwarm. Die war nicht so zickig wie Ingeborg und ich habe einiges von ihr gelernt.

Bald wusste ich nicht mehr, warum ich meinen Bruder jemals beneidet hatte, als er zum Arbeitsdienst und zur Wehrmacht gegangen war. Die Ausbilder ließen ihren sadistischen Trieben freien Lauf und ich kenne jedes Körnchen Sand der Senne aus zwanzig Zentimeter Entfernung, liegend und robbend mich fortbewegend, bei jedem Wetter, vornehmlich bei Regen. Die versuchten uns mit gemeinen Ausdrücken zu erniedrigen und uns das letzte bisschen Würde zu nehmen, das ihnen selber schon vor langer Zeit abhandengekommen war…………………. Das höchste auf der Welt ist der Befehl! Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu! Mehr als das Leben, mehr als Hab und Gut, mehr als die Welt ist ja das Vaterland!

Wer jemals solche Sprüche gehört hat oder sogar auswendig lernen musste, ist gezeichnet für sein Leben.

Niemand kam auf die Idee zu sagen, was ich am liebsten akzeptiere: Das Größte, das es gibt, das ist das Leben.

„Ich werde euch Schwachköpfe heute so schleifen, dass ihr froh wäret, nicht geboren zu sein!“ Das war die Realität.

Ein Oberfeldwebel war der Schlimmste. Er war an verschiedenen Fronten dabei gewesen. In Frank-reich hatten sie ihm die Hoden weggeschossen. Seitdem hasste er aus verständlichen Gründen besonders uns junge Männer und ließ es uns fühlen.

 Zuerst glaubte ich, es sei schwer, den Sinn ihres Schwafelns zu entziffern, bis ich begriff, dass kein Sinn drinsteckte, es sei denn der, uns zu willfährigen Idioten auszubilden. Der letzte Rest an Verstand sollte uns genommen werden, um uns bereit zu machen, Menschen zu töten. Selbstverständlich sollte das alles nur dazu dienen, den Fronteinsatz selber lebend zu überstehen, aber letzten Endes geschah es nicht um des Lebens willen, sondern um für weiteren Unfug zur Verfügung zu stehen.

Disziplin, Fleiß, Treue, Ausdauer und Pflichtbewusstsein ergänzten den Gehorsam zu einem Gemenge, dessen Tugenden man ja an sich durchaus akzeptieren kann. Jedoch im Sinne des Regimes angewendet, konnten sie auch in den Verhaltenskatalog eines KZ-Kommandanten passen…………………………….. Im Mai 1944 war ich zum Unteroffizier avanciert und mittlerweile stolz auf meine Silberstreifen. Gerade war ich zwanzig Jahre alt geworden. Wie sich herausstellte, war mein Vorgänger, ein Feldwebel, als Ausbilder irgendwohin versetzt worden, weil er es als Wachhabender nicht verhinderte, dass dem Bataillonskommandeur ein paar Flaschen seines geliebten Cognacs geklaut worden waren. Vielleicht hatte er sie auch selber mitgehen lassen.

Wir lagen auf einem schlossähnlichen großen Gehöft namens Les Ifs, einen knappen Kilometer von Tourville les Ifs entfernt, einem kleinen Bauernkaff mit etlichen Höfen rund um die Kirche. Ich war dem Bataillons-Stab zugeordnet und organisierte eine Wachmannschaft. Die Jungs einteilen und hier und da kontrollieren, das war alles. Ganz gemütlich. Der Stab war in dem alten, schlossähnlichen Hauptgebäude untergebracht, mit einem großen Garten a la Versailles. Der Schein trog, denn hier wuchsen jetzt Gemüse und Kartoffeln. Es war Krieg. 

Ich wohnte mit der Mannschaft von neun Leuten in einem immer noch komfortablen Nebengebäude und saß zwischen allen Stühlen. Nach unten durfte ich treten, nach oben musste ich buckeln.

Die Uniform verband uns nicht, sie hatte uns nur zusammengeführt.

Macht beim Militär, genau wie bei jeder falschen Autorität, entlädt sich immer im Druck nach unten, der von einer zur nächsten Instanz weitergereicht wird. Bei wahrer Autorität, also solcher, die auf Sachkompetenz beruht, ist das nicht notwendig.

Mit beidem hielt ich mich vornehm zurück. Soviel hatte ich beim Kommiss gelernt: nur nicht auffallen, wenn du deine Ruhe haben oder weiterkommen willst. Das Schicksal meines Vorgängers hatte mich vorgewarnt. ……………………………………. sagte mein Leutnant in einem Anflug seltener Erleuchtung. Sonst bekam er die Zähne nicht auseinander, es sei denn zum unnötigen Herumnörgeln. Sein Eindruck hatte ihn nicht getäuscht, denn sie erzählten, dass sie auf ihrem Weg in der Nähe der Seine in der Morgendämmerung ein tieffliegendes Flugzeug gehört hätten. Es war eine britische Maschine, aus der, sich im Schutz der Morgendämmerung wähnend, überraschend zwei Dutzend Fallschirmspringer und Materialschirme heruntergesegelt wären. Die meisten hätten sie bereits in der Luft abgeknallt, den Rest nacheinander am Boden. Sie lachten sich halbtot und brüsteten sich, dass sie zur Begrüßung der nachrückenden Alliierten jedem der Toten eine Mine untergeschoben oder eine Eierhandgranate so mit ihnen verbunden hätten, dass sie mit hochgingen, sobald ihre Kameraden versuchten, sie zu bergen. Sie rechneten also mit dem baldigen Nachrücken der Amis und Tommys. Wir konnten nicht mitlachen, sondern zeigten ihnen schnell auf der Karte den Weg zurück nach Bolbec, ihrem Bestimmungsort, den sie in ihrer Blödheit verpasst hatten. Wahrscheinlich war es auch der besoffene Kopf ihres Oberleutnants.

Sie waren gerade eine halbe Stunde weg, als  eine Staffel Mustang Tiefflieger über uns hinweg-brauste, die ein paar Kilometer weiter auf den Wagenkonvoy stieß, der uns eben verlassen hatte. Das Getacker der Bordkanonen, eine aufsteigende Rauchwolke und Detonationen zeigten uns den Erfolg des Angriffs an. Wir hasteten zum Unglücksort an der Route de Mentheville, Richtung Amouville. Zehn ihrer Leute konnten wir verwundet aus den Trümmern retten. Sonst war nicht viel übrig…………………………………………….. Da explodierte einer der beiden mit einer ungeheuren Detonation. Metallteile flogen durch die Luft und eine quellende, schmutzige Wolke wuchs aus ihm heraus in den blauen Sommerhimmel. Das Flak-Geschütz war endlich zum Einsatz gekommen. Fieberhaft hatten die Männer versucht einen klemmenden Mechanismus in Gang zu bringen, der die Geschützmannschaft an ihrer Aufgabe hinderte. Jetzt standen sie da, erschöpft und froh über ihren Erfolg.

Ein Soldat muss schießen und töten. Das ist seine Aufgabe, dafür ist er da. Wie hätten sie da gestanden, wenn es anders gekommen wäre? Tut uns leid, der Krieg kann nicht stattfinden, weil der Mechanismus klemmt!

Der Kampf schien vorbei zu sein. Ich richtete mich auf, um nach meinen Männern zu schauen, die in einer Kette neben mir unaufhörlich mit ihren Karabinern in Richtung der angreifenden Amerikaner geschossen hatten. In blindwütiger Besessenheit hatten sie die Magazine leer geschossen, mit zitternden Fingern an ihren Patronentaschen gezerrt und nachgeladen, um weiter zu schießen.

Ich sah ihre verschwitzten, verzerrten Gesichter. Hoffmann wischte sich mit der Hand durch das Gesicht. Es war ganz schwarz und seine Augen stachen hell daraus hervor. Drei Panzerfäuste standen noch dort, aufrecht angelehnt gegen die Grabenwand. Sie wären die letzte Hoffnung gegen die Kolosse gewesen, hätten sie durchbrechen können……………………….. Dann sah ich die Knobelbecher meiner Kameraden, wie sie an mich herantraten.

„Gleich latschen sie mir auf den Kopf, die Idioten!“

„Der ist hin“, sagte der Gefreite Faust mitfühlend.

„Quatsch, so schnell stirbt sich nicht“, meinte der Obergefreite Hoffmann.

„Guck mal das Blut. Mann, der läuft uns aus!“

„Ich hole mal ´nen Sani.“

„Sanitäter! Hilfe! Sanitäter!“

„Den müssen wir rumdrehen, wie wir das gelernt haben. Seitenlage.“

„Mensch, die hat er doch schon.“

„Lass ihn in Ruhe, du machst nur noch mehr kaputt!“

Wahrscheinlich war es soweit und ich würde gleich abkratzen. Darauf warteten sie. Dann brauchten sie mich nicht mitzuschleppen. Dann wurde es dunkel und ich verlor das Bewusstsein.

Ich wurde wieder wach, als ich die Stöße der Trage empfand, mit der sie mich wegtrugen. Der Mann hinter mir keuchte und schnaufte und rief etwas zu dem da vorne.  Es bestand eine ziemliche Aufregung, obwohl das Schießen aufgehört hatte.

Ich dachte an Friedlinde, an ihre heißen Küsse und spürte eine heftige Gier in meiner Kehle. Dann merkte ich, dass es Durst war.

„Gebt mir was zu trinken“, murmelte ich leise, doch niemand hörte mir zu. Ich gab Anweisungen, wie sie gehen sollten und wohin sie mich bringen sollten. Auch wenn sie zuhörten, reagierten sie nicht darauf, sondern hechelten stur weiter. Der Schweiß zog graue Linien durch ihre schmutzigen Gesichter.

Na ja, die wären auch lieber ohne mich unterwegs, dachte ich.

Die Sanitäter versorgten uns. Ich schätzte, dass wir so zehn bis fünfzehn Leute waren, die es irgendwo erwischt hatte. Tote waren es fünf, bei denen die beiden MG-Schützen mitgezählt wurden, obwohl kaum noch etwas von ihnen vorhanden war.

„Sie sind ein verdammter Glückspilz“, sagte der Stabsarzt später. „Glatter Durchschuss, Unteroffizier. In sechs Wochen sind sie wieder dabei.“

 

 

 

Samuel West erzählt

The Big War

Der große Krieg

Der Krieg kommt auch ohne dein Zutun. Er liegt in der Luft und die Leute atmen ihn schon ein, bevor er richtig da ist. Sie merken gar nicht, wie er sie von innen her auszufüllen beginnt mit vielen Anzeichen, die sie noch ignorieren. Das Wort „Gefahr“ erscheint immer öfter in den Zeitungen und viele andere Ausdrücke, die darauf hinauslaufen, einen Feind aufzubauen. Dann ist der Krieg da und niemand hat etwas gewusst.

Die Japaner hatten uns mit ihrem überraschenden Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg getrieben. Das wurde so gesagt. Zu der Zeit war ich schon bei der Truppe und die Ausbilder nahmen kein Blatt vor den Mund. Sie ließen keinen Zweifel daran, wofür sie uns im Dreck herumkriechen ließen. Wir sollten besser sein als unsere Gegner. Und das sollten die Japse und die Krauts sein. Das versöhnte mich etwas mit den Shitbags (Drecksack) von Schleifern, die ich schon deshalb gefressen hatte, weil sie weiß waren. 

Wir waren alle jung. Im Viertel hatte Bob erwartungsvoll gesagt, dass sie ihn mit Kusshand wiedernähmen, weil er im ersten Krieg schon Sergeant gewesen war. Er sehnte sich danach, so elegant aus dem Schlamassel, in dem er lebte, rauszukommen.

„Jetzt werden sie die Nigger brauchen, jeder wird jetzt gebraucht“, sagte Blake.

„Der Krieg wird uns helfen und alles neu ordnen.“

Das große Hoffen war mit dem Krieg angebrochen.

Ehrlich gesagt, hatte ich kein besonderes Interesse an der großen Politik. Meine Laune war allerdings bei Sero, wenn ich merkte, wie betont neutral Roosevelt sich gegenüber den rassistischen Nazis in Deutschland verhielt. Über so etwas konnte ich mich aufregen. Da war ich auf Hundert. Am Ende konnten die Politiker nicht lesen, was die Juden in der „New York Post“ schrieben und hatten von Konzentrationscamps noch nie etwas gehört.

Als Hitler-Deutschland uns dann im Dezember 1941 den Krieg erklärte, war die Sache ausgestanden. Ich war zu der Zeit schon einer von 1,6 Millionen amerikanischer Soldaten, die bereit waren, Freiheit und Demokratie gegen die Aggression der Tyrannei zu verteidigen. So hieß es theatralisch und werbewirksam. So stand es in allen Zeitungen. So tönte es aus jedem Radio. Andere meinten, wir würden nur den großen Geldsäcken helfen, noch mehr Money zu machen, doch das wiesen sie weit von sich. Wahrscheinlich war es ein Mix von beidem………………………………………….

Vor der Küste begannen die Kriegsschiffe der vereinten Flotten, die Küstenstellungen zur Vorbereitung der Landung unter Beschuss zu nehmen. Von Flugplätzen in Südengland und von Flugzeugträgern, die vor der Küste lagen, wurde in einer bis dahin nicht gekannten Heftigkeit Welle um Welle von Luftangriffen geflogen. Jagdflugzeuge, Bomber, Erdkampfflugzeuge, Raketen feuernde Spitfires und Mosquitoes, insgesamt waren es rund 9.000 Maschinen, richteten in den deutschen Linien ein Chaos an. Leider verblieb genügend Potential, uns Schwierigkeiten zu machen.

Der Strand war vermint. Von Maschinengewehrnestern aus konnten die Wehrmachtsoldaten jeden Angreifer ins Visier nehmen, Artilleriegeschütze an den Enden des Abschnitts drohten anlandende Verbände von beiden Seiten zusammenzuschießen. Ein tief ausgeschachtetes Grabensystem schützte unterdessen die deutschen Landser vor dem Bombardement, mit dem unsere weiter draußen manövrierenden Kriegsschiffe losdonnerten. Das nutzte nicht viel, außer Eindruck zu schinden.

 Die deutschen Schützen hielten die Maschinengewehre vor allem auf die Rampen der Landungsboote gerichtet, von denen die GIs ins Wasser sprangen. Die ersten Männer wurden zerrissen, ehe sie auch nur einige Meter zurückgelegt hatten. Sogar die Leichtverwundeten ertranken, herabgezogen von ihrem schweren Gepäck. Innerhalb weniger Minuten färbte sich der Atlantik in Strandnähe blutrot. Diejenigen, welche es bis ins Trockene schafften, wichen auf der Suche nach Deckung ins Wasser zurück. Nichts klappte……………….

Jetzt klammerten sie sich an jedes Dorf und wollten nicht hergeben, was sie seit ihrem Einmarsch in Frankreich in ihren Fängen hatten. Es ging oft hin und her. In der Schlacht um Carentan haben wir den deutschen Widerstand schließlich gebrochen und die Stadt eingenom-men.

Wir waren noch in den Outskirts (Vororten)  von Carentan.

„In dem Gebäude drüben sitzt ein ganzes Regiment Deutsche. Wenn die angreifen, ist es aus mit uns.“

Der Colonel trat vor und einer packte ihn am Arm: „Vorsicht!“

Er hob verächtlich seine Schultern.

„Was haben die Krauts denn da oben gemacht?“ fragte er.

Eine überflüssige Frage, denn jeder konnte die rote Flagge mit dem schwarzen Hakenkreuz in der weißen Mitte auf einem turmartigen schmalen Gebäude wehen sehen.

„Eine Unverschämtheit von den Brüdern! Die holen wir uns!“

Sein Sinn wurde fast heiter. Der Colonel dachte an die Spiele seiner Jugend in Montana.  Abenteuer hatten ihn immer fasziniert.

Er  sah in die erstaunten Gesichter der Männer um ihn herum. Ihr Missfallen hing in der Luft und war aus ihren grimmigen Gesichtern und ihren Gesten und Bewegungen zu erkennen. Sie hatten keine Lust an Spielchen.

„Denkt ihr, das schaffen wir nicht?“ Sein aufwallender Enthusiasmus schien nicht überall gut anzukommen.

„Ich gucke mir die Sache noch mal an“, sagte er enttäuscht.

Er sprang über die Straße, ging in ein Haus, das mit leeren Fenstern zwischen total zerstörten Häusern stand. In einem langen Flur standen auch einige seiner Männer und warteten, genau wie in den andern Häusern in der Straße. Er stieg eine Treppe hoch und bahnte sich seinen Weg durch Berge von Dreck in ein Zimmer und schaute vorsichtig aus einem Fenster. Er hatte sich seitlich davon an die Wand gedrückt und wagte einen Blick über die Straße, den Fabrikhof, auf die im Moment ruhig dort liegenden Backsteingebäude der Fabrik, in denen die Deutschen saßen. ………………………………………..

Ich schrie ihn an: „Ben! Krieche hinter die Holzkiste!“ Er rührte sich nicht. Er hörte mich nicht mehr.

Ich sah zwischen den Einschlägen Männer, die weiterrannten und zu Boden stürzten. Diejenigen, die es bis vor das Gebäude schafften, liefen in die Detonationen von Handgranaten, die aus den Fenstern im ersten Stock geworfen wurden.

Ich rappelte mich auf und spurtete los. Empfindungslos wie eine Maschine stolperte ich über tote Körper und Gegenstände, die am Boden lagen, sackte in Granattrichter und rannte.

Ich drückte mich in den Winkel von Hauswand und Erde. Soweit hatte ich es geschafft. Ich spürte, wie Erdbrocken auf meinen Rücken prasselten und fühlte den glühenden Hauch vorbeizischender Metallsplitter.

Da schlugen, viel später als verabredet, Granaten aus unseren Werfern in die Fensterhöhlen und ich hörte die Schreie der Getroffenen. 

Mein Hemd klebte nass am Rücken. Noch nie im Leben hatte ich derartige Angst. Ich schloss die Augen und legte meine ganze Kraft in den Wurf. Die Handgranate explodierte und ein Feuerstrahl schoss aus dem Fenster über mir. Jetzt konnte ich den Schreckmoment ausnutzen und stellte mich aufrecht hin, zog den Reißnippel meiner Eierhand-granaten hintereinander  und warf sie weit in die Fabrikhalle über mir. Im Innern tat es einen Schlag, als sei die Decke eingestürzt. Ich denke, ich hatte ein Munitionsdepot  getroffen, das den Erfolg meines Wurfes vervielfältigte.

Als wir durch die Fenster sprangen, sah ich schon die Maschinen, hinter denen sie sich verstecken konnten. Wir nutzten sie zur Deckung und hielten zuerst einmal still, zu horchen,……………….

Bis Deutschland soll es noch weit sein.

„Gosh! (Mein Gott) Da steht uns ja noch einiges an loads of shit (eine Menge Scheiße) bevor. I´m so pissed!(Ich bin angewidert!) Entschuldigt die  Ausdrücke, aber für so viel Elend fällt mir nichts Besseres ein. Es hängt mir am Hals raus, jeden Tag durch zerstörte Dörfer zu laufen oder zu fahren. Jeden Tag zerstören und töten. Jeden Tag um ein paar Häuser oder einen Flecken Erde kämpfen, der 6000 km von dem Ort entfernt liegt, der mein Zuhause ist.“

Manchmal fragte ich mich schon, was ich hier zu suchen hatte. Was gingen mich die Leute hier an. Mit Schwarzen wollten die Deutschen sowieso nichts zu tun haben. Sie nennen uns Untermenschen, bringt man uns bei. Das hatte ich nicht einmal bei uns zu Haus gehört, obwohl die Yankees uns nicht gerade achten.

Am 12.September war ich bei denen, die als erste die deutsche Grenze überschritten. Diese Gegend werde ich nie mehr im Leben vergessen, weil sie zweimal eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Es sind die Ardennen.

Was glaubt ihr, wie stolz ich war, zur "greatest generation" (großartigsten Generation) zu gehören, zu der wir als Sieger stilisiert wurden.

Ich weiß, dass das, was wir gemacht haben nichts mit „großartig“ zu tun hat, jedenfalls nicht im positiven Sinn des Wortes. Sicher hatten wir Großes vollbracht, Ungeheures sogar.

Meine Kameraden und ich hatten viel geleistet, Unmenschliches manchmal. Wir hatten tapfer gekämpft, bis zur Selbstverleugnung, wenn man die Angst bedenkt, die wir überwinden mussten. Wir hatten den Tod des Kameraden neben uns ertragen und das Wissen um die hohen Verluste an Menschen hielt uns nicht ab, weiterzukämpfen. Wir ertrugen die Bilder der Zerstörung von Dörfern und Städten, von Brücken, Straßen, von ganzen Wäldern und Landschaften, von vielen Dingen, für die Menschen ein Leben lang gearbeitet, geschuftet hatten und an denen sie hingen, weil sie ein Teil von ihnen waren.  Das Schlimmste von allem war, dass wir nicht mehr dieselben waren. Ich war mir manchmal nicht sicher, ob wir überhaupt noch Menschen waren. Es war so viel zerstört und wir gehörten dazu.

Was sollte daran „großartig“ sein?

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