Ausschnitte aus

"Mit 16 zu jung zu sterben"

Dieses Buch und seine Ergänzung:

"Der Soldat und das Mädchen Monique" Fahnenflucht in den Ardennen"

sind unter dem

Autornamen Jo Manno Remark

in jeder Bücherei oder im Internet zu bekommen.

ISBN Nr: 978-3-7322-3858-3   und  ISBN Nr. 978-3-7386-1434-3

(über die Ardennen-Offensive)

Es sollte die letzte Offensive für den Endsieg sein. In Wahrheit war es ein letztes Aufbäumen gegen ein unrühmliches Ende des selbst organisierten Wahnsinns und am Ende hatten die hirnrissigen Gedanken einiger Generäle in der kurzen Zeit der Offensive auf beiden Seiten fast 150 000 Menschen das Leben oder ihre Unversehrtheit gekostet. Das  sind 5000 Menschen jeden Tag und 208 jede Stunde. Die Wirklichkeit war noch schlimmer, weil die verlustreichsten Kämpfe an wenigen Tagen stattfanden. Es sind ganze amerikanische Divisionen, wie man verharmlosend sagt, „aufgerieben“ worden, was bedeutet, dass kaum jemand die Kämpfe überlebt hat. Auch auf deutscher Seite fielen ganze Einheiten den oft verbissenen Nahkämpfen zum Opfer. 

Ich zitiere einen Colonel John Mace, 7th Armoured Division aus einer amerikanischen Reportage: „Wir stapelten die Leichen wie Holz. Ich erinnere mich an eine MG-Stellung, bei der ich half, die toten Körper der deutschen Angreifer wegzuräumen, damit wir weiter schießen konnten. An einigen Stellen lagen sie in Vierer-und Fünferreihen.“

Nach einigen der Drahtzieher und Berühmtheiten der Offensive sind heute noch Straßen benannt, in Amerika, in England, in Frankreich und in Deutschland und zeugen davon, wie schwer chauvinistisches Denken veränderbar ist. Ich könnte platzen, wenn ich daran denke!

Diese Geschichte ist ein Roman. Man könnte annehmen, nach siebzig Jahren seien die Ereignisse der Vergangenheit so nebulös oder geschrumpft, dass man sie alle fiktiv nennen könnte. Das ist keineswegs so, für mich ist die Geschichte wahr. Ich habe sie so erlebt, wie sie in meiner Erinnerung eingefressen ist. Sie ist so gegenwärtig, als sei sie körperlich spürbar und gerade erst passiert.

Ich habe lange Jahre geglaubt, es sei nicht nötig, das alles aufzuschreiben, um junge Leute vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Nach den Einwänden meiner Urenkel habe ich mich dann doch umstimmen lassen.

Der Punkt ist erreicht, das Unaussprechbare auszusprechen! Es wird nicht mehr lange dauern und Zeitzeugen werden nicht mehr da sein, ihre mahnende Stimme zu erheben. Da wird es höchste Zeit, die Ereignisse, die in einer Atmosphäre wie der Ardennen-Offensive passieren konnten, aufzuzeichnen, denn sie scheinen mir besonders zu dokumentieren, wie hoch Menschen steigen und wie tief sie sinken können.

Ein Leben lang habe ich mich gescheut, über meine Erlebnisse zu sprechen, weil ich meine Teilhabe an den Ereignissen als persönliches Versagen und Schuld empfunden habe. Ich habe befürchtet, dass man mir vorwerfen würde, was ich mir selber nie verziehen habe.

 

Fahrkarte in die Hölle

Man konnte dem Wetter und dem Feind zum Opfer fallen. Im Grunde war es egal, aber beide zusammen waren eine tödliche Kombination. Es war saukalt, wir hatten selten so gefroren. Den ganzen Abend hatte es schon bis in die Nacht hinein heftig geschneit. Jetzt standen wir in der Dunkelheit auf einem Bauernhof in den belgischen Ardennen und trauten uns nicht, zu husten. Es schien, als säßen wir mitten im Feindesland in einer tödlichen Falle, aus der es kein Entrinnen gab.

Wir waren eine Sondertruppe, die als Tieffliegerabwehr die Infanterie unterstützen sollte, die zur 5. Panzer-armee des Generals von Rundstedt gehörte und in den belgischen Ardennen kämpfte. Der Einsatz war als besondere Belohnung und Auszeichnung für hervor-ragendes Verhalten in der Heimatverteidigung dekla-riert. Dieses beruhte vorwiegend darauf, dass ich, Bestandteil dieser Truppe, mehr oder weniger zufällig einen Tiefflieger abgeschossen hatte, der völlig über-raschend frühmorgens unsere Stellung angriff. Ich war gerade mal vier oder fünf Tage nach der Ausbildung in Titz bei meiner Einheit in Gymnich, als es zu diesem verhängnisvollen Unglück kam,  das mein Leben für alle Zeit prägte.

Gerade hatten wir das sogenannte Funktionsschießen erledigt, bei dem jeden Morgen bei Übernahme der neuen Wache ein paar Schüsse abgegeben werden, um die Bereitschaft der Geschütze zu kontrollieren. Ich war als Wachhabender zufällig derjenige, der in den Ringen des Drillings hing, als wir von einer  amerikanischen Thunderbolt angeflogen wurden. Die bullige Schnauze mit dem blitzenden Propeller erschien direkt in meinem Fadenkreuz und beide drückten wir fast gleichzeitig ab. Während der Flieger zu weit schoss, traf ich direkt in den Motorblock und die Maschine qualmte bereits, als sie über unsere Stellung hinweg steil nach oben zog. Das Luk flog weg und ein schwarzes Bündel wurde hinterher geschleudert. Es war der Pilot, der mit seinem Fallschirm und dem Sitz platt an einem Feldrand in Sichtweite aufschlug. Ich hing zitternd in den Ringen des Geschützes. Dumpf drang in mein Bewusstsein, dass ich einen Menschen getötet hatte. Mir wurde schlecht. Ich konnte nicht begreifen, dass ich nicht losschreien musste vor Schmerz und Scham. Im Gegenteil merkte ich, dass ich bereits infiziert war mit einem Virus, der das Töten legitimierte und mich zu einer hirnlosen Marionette machte. Das ließ mich ganz ruhig sein, ich zitterte vielleicht noch etwas mit den Händen, aber ich wartete auf mehr, was da plötzlich erscheinen würde und bei dem ich wieder schneller sein wollte. Doch im Moment kam niemand mehr. Ich war erstaunt über mich selbst, was ich zu tun in der Lage war. Aber tief in mir spürte ich, wie ich mich veränderte, wie mir mein Menschsein abhandenkam, wie ich dabei war zu verleugnen, an was ich bisher geglaubt hatte.  Alle brüllten laut aufgeregt durcheinander und ich wechselte aus einem Wachtraum in die Wirklichkeit zurück. Mein Kamerad und Freund Karl Brammer schnappte sich das Krad und wir waren in wenigen Minuten bei dem Piloten. Er wurde bereits von zwei Frauen, die auf dem Feld gearbeitet hatten, mit Mistgabeln bedroht. Sie keiften, „den Verbrecher zu massakrieren“…………………………………………………………………….……………In der Nacht kommt mit der Dunkelheit die Angst. Man hört jedes Geräusch, wie von einem Lautsprecher verstärkt und rätselt, was es sein könnte. Ich habe später öfter gerätselt, warum es so schwierig ist, sich mancher Einzelheiten zu erinnern, anderer umso besser. Ich wusste jedoch immer, dass ich diese Angst gespürt habe, wenn ich einfach in der Nacht einmal wach da lag……………….……………..Unsere beiden Fahrzeuge mit den Drillingen standen mit Grünzeug getarnt vor den letzten Häusern des Dorfes, zur Tieffliegerabwehr, die heute wegen des Wetters nicht nötig war. Trotzdem waren die Geschütze besetzt und wir fieberten darauf, uns zu bewähren. Von hier aus lief ein Weg über abfallendes Gelände durch die Wiesen auf den Wald zu, der im Nebel zu ahnen war.

Die eigene Artillerie hatte sich im Schutz der Häuser des Dorfes in den Gärten und Wiesen aufgebaut und begann auf einen Schlag über die Dächer hinweg zu schießen. Wir kannten den Zeitpunkt: 5 Uhr 30, denn fieberhaft hatten wir darauf gewartet. Es war ein Inferno, das Donnern der Abschüsse, das kreischende Geräusch der leeren Granathülsen und ihr Scheppern, wenn sie aufeinander fielen, Schlag auf Schlag. Bei dem Beschuss fragte man sich, wie überhaupt jemand auf der anderen Seite überleben konnte. Nach einer halben Stunde plötzlich eine Pause. Von wegen „Pause“. „Es ist keine Munition mehr da“, ging das Gerücht. Es dauerte wieder eine halbe Stunde, bis die Amis zurück schossen. Wahrscheinlich waren sie wirklich beim Frühstück überrascht worden und es wäre besser gewesen, auf die Landser gehört zu haben. So ein Mist! Es war, als hätten wir in ein Wespennest gestochen. Dabei sollten wir in ein paar Minuten  losmarschieren. Auf einmal waren wir mitten drin. Es war nicht wie im Film, wenn die Helden hoch aufgerichtet sterben. Hier wurden sie hoch geworfen und kamen nur in Teilen wieder herunter. Da konnte man sie dann aufsammeln. Überall Einschläge der feindlichen Artillerie, laufende, schreiende, sterbende Soldaten. Sie tauchten aus dem Nebel auf und verschwanden wieder. Die Einschläge kamen immer näher, gleich mussten die ersten uns erreichen. Unmöglich, den Standort zu wechseln, weil wir unsere Fahrzeuge eingegraben hatten. Panik machte sich breit. Da setzte der Beschuss aus............................

..............................Im Krieg werden Soldaten verwundet, sie sterben, sie werden getötet, für sie kommt Ersatz wie in einem ständigen Strom. Es ist eine furchtbare Kette des Grauens. Bevor man ihr Gesicht richtig erkannt hat, sind sie tot. ....................................................Es war wie eine Erlösung, als die Gruppen losliefen. Sie hatten sich zwischen den Häusern selber wie in einer großen Mausefalle gefangen und konnten weder vor noch zurück. Die Einschläge der amerikanischen Artillerie zeigten verheerende Folgen. Zerstörung und Tod rundum…………………………………………

……………. Unsere beiden Fahrzeuge mit den Drillingen standen mit Grünzeug getarnt vor den letzten Häusern des Dorfes, zur Tieffliegerabwehr, die heute wegen des Wetters nicht nötig war. Trotzdem waren die Geschütze besetzt und wir fieberten darauf, uns zu bewähren. Von hier aus lief ein Weg über abfallendes Gelände durch die Wiesen auf den Wald zu, der im Nebel zu ahnen war.   Die eigene Artillerie hatte sich im Schutz der Häuser des Dorfes in den Gärten und Wiesen aufgebaut und begann auf einen Schlag über die Dächer hinweg zu schießen. Wir kannten den Zeitpunkt: 5 Uhr 30, denn fieberhaft hatten wir darauf gewartet. Es war ein Inferno, das Donnern der Abschüsse, das kreischende Geräusch der leeren Granathülsen und ihr Scheppern, wenn sie aufeinander fielen, Schlag auf Schlag. Bei dem Beschuss fragte man sich, wie überhaupt jemand auf der anderen Seite überleben konnte. Nach einer halben Stunde plötzlich eine Pause. Von wegen „Pause“.   „Es ist keine Munition mehr da“, ging das Gerücht.                    Es dauerte wieder eine halbe Stunde, bis die Amis zurück schossen. Wahrscheinlich waren sie wirklich beim Frühstück überrascht worden und es wäre besser gewesen, auf die Landser gehört zu haben. So ein Mist! Es war, als hätten wir in ein Wespennest gestochen. Dabei sollten wir in ein paar Minuten  losmarschieren. Auf einmal waren wir mitten drin. Es war nicht wie im Film, wenn die Helden hoch aufgerichtet sterben. Hier wurden sie hoch geworfen und kamen nur in Teilen wieder herunter. Da konnte man sie dann aufsammeln. Überall Einschläge der feindlichen Artillerie, laufende, schreiende, sterbende Soldaten. Sie tauchten aus dem Nebel auf und verschwanden wieder. Die Einschläge kamen immer näher, gleich mussten die ersten uns erreichen. Unmöglich, den Standort zu wechseln, weil wir unsere Fahrzeuge eingegraben hatten. Panik machte sich breit. Da setzte der Beschuss aus.

Im Krieg werden Soldaten verwundet, sie sterben, sie werden getötet, für sie kommt Ersatz wie in einem ständigen Strom. Es ist eine furchtbare Kette des Grauens. Bevor man ihr Gesicht richtig erkannt hat, sind sie tot.                                                  Es war wie eine Erlösung, als die Gruppen losliefen. Sie hatten sich zwischen den Häusern selber wie in einer großen Mausefalle gefangen und konnten weder vor noch zurück. Die Einschläge der amerikanischen Artillerie zeigten verheerende Folgen. Zerstörung und Tod rundum……………………………………………………

Die deutschen Soldaten hatten sich auf den Boden geworfen und suchten robbend Deckung hinter zerbeulten Metallfässern und abgestellten Maschinen. Dann bewegte sich in einem zerschossenen Fenster im Erdgeschoss ein weißer Lappen, an einen Stock gebunden. Jemand schrie  einen Befehl, den man nicht verstehen konnte. Es klang wie ein bellender, scharfer Hund, weil die Stimme umkippte. In der Tür erschien ein amerikanischer Soldat mit erhobenen Händen. Plötzlich eine Schusssalve. Der halbe rechte Arm des GI flog durch die Luft. Eine Sekunde stand er da mit einem erhobenen Armstummel und einem Arm, dann fiel er platt nach vorne auf die Stufen der Treppe.                                                                                                         Es war für uns als Betrachter einer jener Augenblicke im Leben, in denen die Sinne ihre Reaktionen verändern. Es ist, als ob das Auge den Befehl verwei-gert, an das Großhirn weiter zu geben, was es gerade wahrnimmt, weil das, was es sieht, so außergewöhnlich und schrecklich ist und es bezweifelt, dass etwas derartig Befremdliches geschehen könnte. Die Dinge laufen wie in Zeitlupe ab, weil das Aufnahmever-mögen durch das ablaufende Ereignis reduziert ist. Die Perforation des innerlich ablaufenden Filmbandes flattert und verweigert den Dienst, so dass es nur noch zögerlich die Kette der Wahrnehmung aufrechterhält. Aufnahme und Wiedergabe des Geschehens klaffen auseinander. Mein Herz stockte.      Ein paar Augenblicke war absolute Ruhe, dann brach die Hölle los. In den beiden Giebelfenstern standen plötzlich zwei Amerikaner, die von oben in die am Boden liegenden deutschen Soldaten schossen. Einige schrien, zwei versuchten wegzulaufen und brachen nach wenigen Metern zusammen. Sie hatten keine Chance den beiden Schützen zu entkommen, die den offenen Hof vor dem Haus und die ganze Straße voll im Blickfeld hatten. Eine Handgranate traf die Hausfront, fiel herunter und explodierte neben dem auf der Treppe liegenden Amerikaner. Eine weitere explodierte im Haus. Ungeschützt standen die GIs in den Fenstern und schoben ein neues Magazin in ihre MPs. Sie hatten nichts mehr zu verlieren und kannten nur noch Hass für die Mörder ihres Kameraden. Niemand der deutschen Soldaten konnte anscheinend seine Handfeuerwaffe gebrauchen oder traute sich aus seiner Deckung, um das zu tun.                                                                                                                                                             Als Oberfeldwebel Sahler das Ganze durch das Glas beobachtet hatte, sprang er an den Drilling, drängte Krook zur Seite und eröffnete das Feuer. Er tat das wahrscheinlich, um den Jungen davor zu bewahren, auf Menschen zu schießen. Er selbst hatte dieses Tabu schon vor Jahren verletzt. Trotzdem blieb ihm jeden Tag die schlimme Angst, es wieder tun zu müssen. An der Spur der Leuchtspurgranaten konnten wir ihre Flugbahn verfolgen. Sie schlugen in den Giebel und das Dachziegeldach, suchten ihr Ziel durch die Fensteröffnungen und zerfetzten die GIs in tausend Stücke.    Die Stille danach war intensiv und kurz. Dann klangen die Schreie der Verwundeten zu uns herüber……………………………………… Ich lief teilnahmslos zwischen allem herum, und beobachtete Sahler, nachdem ich begriffen hatte, dass ich nicht helfen konnte. Der Oberfeldwebel war die halb zerfallene Holztreppe im Haus hochgestiegen und stand bei den beiden GIs, oder besser gesagt, dem, was von ihnen übrig geblieben war. Er bückte sich, um den einen auf den Rücken zu drehen. Aus seinem Bauch quoll sein Gedärm; eine Sprenggranate war in ihn eingedrungen und hatte ihn auseinander gerissen. Sein Gesicht war nahezu unversehrt und die Augen schauten ihn an. Er drückte sie zu, vorsichtig und zärtlich. Vom Gesicht des zweiten Amerikaners war nicht viel zu erkennen. Sahler hob seine Hand und tippte an seinen Helm. Unwillkürlich nahm auch ich, der ihm gefolgt war, meine Hacken zusammen. Als der Oberfeldwebel sich umdrehte, sagte er: „Komm, mein Junge, hier ist alles getan!“ Ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte.    Mir wurde langsam klar, wie froh wir sein konnten, einen Mann wie den Oberfeldwebel Sahler bei uns zu haben……………………………….

(Ausschnitte aus dem Text "Panzerschlacht")

Für den Schützen Moll auf Sahlers Fahrzeug  war die Wartezeit inzwischen beendet gewesen. Mit  Mühe hatte er  versucht, seine Finger in der Kälte beweglich zu halten. Der Fahrer Fritz bot ihm immer wieder zwischendurch einen Aufwärmplatz in der Fahrer-kabine. Moll war als Schütze ihr wichtigster Mann. Aufgeregt hatte er die Ereignisse der letzten beiden Stunden miterlebt. Seine Ungeduld hielt sich in Grenzen, denn in den Tagen ihres Einsatzes konnte er erfahren, dass der richtige Moment über Leben und Tod entschied.

Als er jetzt die Situation im Tal überschauen konnte, verließen Moll plötzlich seine Kräfte. Mit seinen achtzehn Jahren wollte er die Welt erobern, doch in solchen Situationen zeigt sich ganz schnell der Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Er merkte, wie seine Beine ihn nicht mehr halten wollten, weil sein Kopf ihm andere Signale schickte. Seine Sinne registrierten die Fakten und errechneten blitzschnell die Handlungen und Auswirkungen der Taten, die sich daraus ergeben würden. Ihre Analyse ergaben ein eindeutiges, inhumanes Ergebnis und Molls Schicksal ließ ihn gnädig zusammenbrechen, um ihn vor dem zu bewahren, was ihn als Menschen infrage stellte. Seine Natur bewahrte ihn vor sich selbst, als der Mensch zu versagen, der er wirklich war. Er verfügte wohl über das Gen, welches viele Tiere davor bewahrt, Mitglieder ihrer eigenen Spezies zu töten und das beim Menschen verkümmert zu sein scheint. Er sackte in sich zusammen und Krook als Schütze Zwei neben ihm hatte alle Mühe, ihn aus der Umklammerung mit seinem Geschütz zu befreien. Sein Kamerad war leichenblass und er dachte schon, er sei getroffen und tot, doch er atmete. Ungelenk hing er über den Munitionskisten und Krook zog ihn zur Seite, denn Sahler drängte aufgeregt und aggressiv auf seinen Platz und hängte sich in die Ringe.

„Hau ab!“ sagte er grob. Seine Gesichtszüge waren wie versteinert und Krook glaubte, einen fremden Menschen vor sich zu haben.

Sahler hatte alles getan, diesen Moment hinaus zu zögern und in der Tiefe seines Herzens hoffte er, dass eine Kugel ihn treffen und seiner persönlichen Verantwortung entheben würde. Vor ihnen lagen Dorf und Tal im schmutzig-grauen Nebel, die Luft war getränkt von dunklen Wolken und es war, als würde sich der Dreck der Welt über ihnen entladen. Ein Gefühl von riesengroßer Traurigkeit senkte sich über Sahler. Er wusste, dass er wieder gezwungen war, etwas zu tun, wofür er sich ein Leben lang hassen musste.

Die beiden Panzer wirkten wie schwarze Spielklötzchen, die von unsichtbarer Hand geschoben wurden. Gegen die konnte er nichts ausrichten. Die GIs hatten sich bereits vorher größtenteils von ihnen gelöst und liefen und sprangen schießend auf die ersten Häuser zu. Trotz großer Verluste würden sie gleich in die deutschen Stellungen einbrechen. Ihr  Einsatzwille ließ sie todesmutig und verbissen nach vorne stürmen. Sahler fühlte sich ihnen innerlich tief verbunden, wie sie tapfer versuchten, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Doch genau das musste er verhindern.

Der Oberfeldwebel schoss los. Die Wirkung der 2-cm-Geschosse war verheerend. Von den Sprengkapseln konnte man nur hoffen, dass viele von ihnen nicht tödlich sein würden. Der Druck der Panzermunition hob die Körper bei einem Treffer in die Höhe und schleuderte sie dann wie leere Kleidungsstücke in den Schnee, der an vielen Stellen in frischem Rot leuchtete. Wer nicht zuerst selber getroffen wurde, fiel über seine stürzenden Kameraden. Wie die Feldhasen versuchten einige im Zickzack den Ortsrand zu erreichen, doch es war hoffnungslos, denn aus den Karabinern zwischen den Häusern und Hecken schlug ihnen ebenso tödliches Feuer entgegen oder Sahlers Panzergeschosse rissen sie auseinander. Sie liefen einfach in den Tod. Ich weiß nicht warum, aber sie strebten nach vorne, wie die Motten in den tödlichen Bannkreis der brennenden Kerze flattern. Sie hatten keine andere Wahl. „Morituri salutant! Die Todgeweihten grüßen!“

Der erste der beiden Panzer explodierte, sobald er zwischen den Häusern einige Momente Sahlers Blick entschwunden war. Es war ihm tatsächlich gelungen, soweit vorzudringen. Anscheinend hatten die Panzerfäuste, welche die Deutschen im Nahkampf einsetzten, dann doch genügend Durchschlagkraft, wenn sie eine empfindliche Stelle der Kolosse trafen. Um den letzten Panzer herum war kein aufrecht stehender GI mehr zu sehen. Der Oberfeldwebel hatte seinen Beschuss eingestellt.

( Ende der Panzerschlacht)

Ein Blick durch den Feldstecher ins Tal zeigte eine Menge deutsche Landser damit beschäftigt, die Amerikaner zu versorgen. Einige GIs schleppten sich tatsächlich noch mit eigener Kraft auf die Häuser zu, unbeachtet von den aufgeregt umher laufenden Soldaten, die Verwundete auf Tragen luden, um sie ins Dorf zu bringen. Einige Sanitäter hockten bei Verwundeten, um sie direkt zu versorgen. Die meisten der im Schnee liegenden Amerikaner waren tot. 

„Hacke kommt mit mir!“ Sahler wendete sich den Häusern zu und er wusste, dass es ein schwerer Weg sein würde. Zögernd folgte Walter Hacke seinem Oberfeldwebel. Er traute sich kaum, zu dem ersten MG-Nest zu gucken. Nirgends ein Anzeichen von Leben, nur Kleidungsfetzen und Körperteile, die kaum von den Steinen zu unterscheiden waren. Auch zwischen Böschung und Häusern lagen dunkle Körperhaufen. Die Mörser der Panzer hatten ganze Arbeit geleistet.  Die Waffenkonstrukteure konnten in ihrem verdrehten Denken stolz sein, menschlichen Geist für die sinnloseste Aufgabe benutzt zu haben, die Technik haben kann, nämlich gegen den Menschen  selbst. Zwischen den Trümmern im Innern der Häuser auch leblose Körper, verdreht und zerfetzt, darunter mussten noch mehr im Dreck liegen, da, wo Menschen eigentlich nicht sein sollten. Walter kehrte es den Magen nach außen und sein Herz stolperte und schlug ihm bis zum Hals.      Ein Soldat lag ausgestreckt auf dem Rücken. Eine Granate hatte ihm ein Bein über dem Knie weggerissen. Auf seinem Bauch lag sein Karabiner. Er hatte sich von unten durch das Kinn in den Kopf geschossen. Sein Helm hielt zusammen, was davon übrig war. Obenauf sah man das Ausschussloch. Sein Gesicht war trotz allem als das eines Menschen zu erkennen. Um menschliche Not im Auge des Todes sichtbar zu machen, sollte das Bild in allen Schulen der Welt als Mahnmal gegen Gewalt und Krieg hängen. Lukas Kranachs Bild vom leidenden Christus war ein Abziehbildchen gegen die Intensität der Gefühle, die sich bei den Männern beim Anblick bildeten.

Der junge Soldat hatte sich selber das Leben genommen. Feigheit vor dem Feind. Darauf steht die Todesstrafe, meine Herren! Hier war die Ehre der Wehrmacht beschmutzt worden. Dabei hatte sie nie eine Ehre besessen. Spätestens bei ihrer Unterwerfung unter Hitler als Oberbefehlshaber hatte sie diese Ehre verspielt. Doch wie viele Menschen waren im Namen dieser Ehre, die es gar nicht gab, gemordet worden? Eine verdrehte Welt!

Walter wankte. Er konnte sich nicht mehr auf seinen Beinen halten. Da war nichts mehr in ihm, das in irgendeiner Weise einen Gegenpol gegen diese unmenschlichen Eindrücke hätte bilden können. Sein gesamtes Lebensbild schwamm ihm davon, versank vor seinen Augen, die sich mit Tränen gefüllt hatten. Sahler schaute ihn an, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Komm, lass uns gehen. Hier kann niemand mehr helfen!“ Er nahm seinen Arm und leitete ihn nach draußen. Walter hielt sich steif, so gut er konnte. Die Beine versagten ihm den Dienst. Sein Freund Brammer kam auf ihn zu. Sie fielen sich in die Arme und Walter heulte. Er war ein kleiner Junge, verloren in einer unglaublich fremden Welt, die er nicht mehr verstand. Sie stiegen auf ihre Fahrzeuge, doch seltsamer Weise zögerlich und müde, als hielte dieser Ort des Grauens sie weiter fest umklammert. Alle hatten das Bedürfnis irgendwie helfen zu müssen, Geschehnisse rückgängig zu machen, leider ein Verfahren, das noch nicht erfunden ist. Menschen können die Welt gestalten, doch sie müssen vorher bedenken, wie sie aussehen sollte. Für eine tödliche Welt, wie sie augenblicklich funktionierte, war es in jedem Fall zu spät, etwas rückgängig zu machen. Aber Walter empfand auch jetzt wieder einen starken inneren Drang nach einer Umkehr.

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